Interview Raumprobe

„Der Bedarf nach echten Materialien ist riesig“

Vor 14 Jahren gründeten Hannes Bäuerle und Joachim Stumpp die Materialagentur Raumprobe. Aus den Kinderschuhen ist sie längst herausgewachsen. Wie sich das Unternehmen in den letzten Jahren weiterentwickelt hat und was inzwischen alles zu den Leistungen der Agentur zählt, verrät uns Hannes Bäuerle im Gespräch.

von Elena Schauwecker

Herr Bäuerle, beginnen wir von vorne. Wie sahen denn die ersten Schritte auf dem Weg zur heutigen Raumprobe aus?

Schon im Studium habe ich leidenschaftlich Muster gesammelt. Vor der Gründung habe ich lange in einer Schreinerei gearbeitet, später Maschinenbau studiert und schließlich zur Innenarchitektur gewechselt. Doch die verbindende Komponente war stets das Material. So hatten wir bereits am Anfang einen großen Fundus an Mustern und Materialien, dann kamen Referenzen von Unternehmen hinzu, damals vielleicht 300 bis 400 Stück. Wenn ich das heute so höre, muss ich schmunzeln, inzwischen denken wir sogar über Reduktion nach! Denn die Menge ist es nicht, die die Ausstellung ausmacht.

Sondern?

Die Klassifizierung und Rubrizierung. Wir sind mit der Erkenntnis gestartet, dass die Materialvielfalt explodiert ist. Wir feiern in diesem Jahr 100 Jahre Bauhaus, wenn wir überlegen, wie vor hundert Jahren gebaut wurde, innen wie außen, war das ein Bruchteil der Baustoffe, dir wir heute zur Verfügung haben. Schon während des Studiums stellten wir fest, dass man durch diese riesige Vielfalt vieles vergisst, die Materialeigenschaften nicht präsent vor Augen hat oder viele Innovationen, die auf dem Markt sind, einfach nicht kennt. So entstand die Grundidee, nämlich eine Bibliothek zu schaffen, eine Anlaufstelle für Materialinspiration bzw. Information zu sein. Wir sind die Schnittstelle zwischen Planern, ausführenden Kreativen und der Industrie.

Was sind die Leistungen der Raumprobe?

Inzwischen hat sich daraus eine ganze Vielzahl entwickelt. Angefangen hat es mit der Ausstellung, denn Material begreife ich erst, wenn ich es anfassen, anfühlen kann. Man muss verstehen, wie sich ein Material verhält, damit man weiß, was damit möglich ist. Das sehe ich auf einem Bild nicht! Zum Onlineangebot zählt eine Datenbank mit Bezeichnung und technischen Datenblättern. Wir sehen das als parallele Ergänzung. Denn wir sind beides, unsere Ausstellung ist online und analog, und das befruchtet sich gegenseitig. Wir ziehen Erkenntnisse aus der digitalen Welt, die sich wieder in der Ausstellung abbilden. Die ganzen Daten, die wir digital erstellen, können wir so überhaupt nur produzieren, weil wir das Material in der Hand haben. Auch die Fotos machen wir alle selbst, schon unter dem Aspekt, einen einheitlichen Stil nach außen wiederzugeben.

Gibt es aktuelle Schwerpunkte?

Anfassen und Begreifen sind voll im Trend. Wir merken es auch beim Thema Veranstaltungen, bei der Vermittlung zwischen Herstellern und Kreativen. Dieses Format hat sich aus der Online-Welt und der physischen Welt heraus etabliert. Aus Weiterbildungen wie Materialworkshops oder Seminaren ist ein breit gefächerter Bereich geworden. Ab 2020 starten wir mit der Materialakademie, dazu bieten wir Seminare zu ausgewählten Materialien an. Seit 2013 initiieren wir auch einen eigenen Award, den Materialpreis. Der Impuls dazu kam sowohl von der Industrie wie auch von den Kreativen – ein unabhängiger Preis, der die komplette Branche über die ganze Material-Bandbreite beleuchtet. Inzwischen wurde der Preis erweitert und im jährlichen Wechsel werden „neue Materialien“ und „gebaute Projekte“ verliehen, denn neues Material braucht kreative Köpfe, die damit etwas machen. Auch Messesonderschauen sowie der jährliche Materialreport gehören inzwischen zum festen Angebot. Beim Materialreport setzen wir ein Thema in den Fokus, 2019 war es die „Fassade“, 2020 das „Hotel“. Erfahrungen von Messen, Blicke von außen, Gastbeiträge und redaktionelle Beiträge finden hier mit entsprechenden Materialcollagen, Material- und Farbwelten zusammen, immer mit dem Blick nach vorne.

Was macht die Raumprobe speziell für Tischler und Schreiner interessant?

Außer mit dem klassischen Material Holz arbeiten Tischler und Schreiner ja auch mit zahlreichen weiteren Materialien wie z. B. Mineralwerkstoff, Naturstein, Metallbeschichtung oder Lacken. Beim Schreiner und Innenausbauer laufen enorm viele Materialien zusammen. Da hat ein Metallbauer weit weniger Komplexität. Es birgt sehr viel Potenzial, wenn man Kunden bei einem Ausbau von Wohnräumen auch die Vorhangstange mit einbaut und zudem noch den passenden Stoff im Repertoire hat. Von Kundenseite aus ist das Konzept „alles aus einer Hand“ immer mehr gefragt. Hier können wir Impulse geben.

Wie könnt ihr den Innenausbauer konkret unterstützen?

Bei Fragen genügt eine Mail an uns, etwa welche Eigenschaften das Material haben soll und wofür es benötigt wird, und dann können wir sagen, was dafür infrage kommt. Unser Anspruch ist es, auch mehrere Lösungsansätze aufzuzeigen. Selten gibt es für eine Aufgabe nur das eine Material. Oft stellen wir auch fest, dass Projekte viel zu kompliziert umgesetzt werden, weil von Materialseite aus nicht besonders effizient gearbeitet wird. Das liegt aber nicht an den Möglichkeiten, denn von der Materialseite her geht inzwischen eigentlich alles. Wenn ich beispielsweise weiß, mit welchem Material sich Freiformen effizient umsetzen lassen, dann spart das Geld, denn in der Regel ist es teurer, aus dem Vollen zu fräsen. Beim Rohstoff und der Arbeitszeit angefangen.

Wer gehört außerdem zur Zielgruppe?

Der Planer nimmt uns aus Nutzerperspektive in Anspruch. Auch Kollegen aus der Industrie laufen hier durch und fragen: „Welche Schichtstoffe, welche Cover wären denn für mein Trägermate-rial interessant?“ Oder sie suchen einen Kern für ein bestimmtes Sandwich-Produkt. Diese Gruppe hatten wir anfangs gar nicht auf dem Zettel, also Autoindustrie, Staubsauger und Kühlschrankhersteller usw. Neulich hatte ich ein Gespräch mit einem Hausgerätehersteller, der fragte, warum die Geräteoberflächen immer nur weiß-emailliert sind? Darüber sind wir von Materialseite schon lange hinweg! Eine Waschmaschine kann auch stylish aussehen. Wir merken, dass sich da einiges bewegt und die Beteiligten schlagen alle hier auf.

Ist dabei auch Ökologie ein Thema?

So wie wir die letzten hundert Jahre gebaut haben, können wir nicht weitermachen. Da machen wir uns alles kaputt. Bei Ökologie geht es oft und schnell um das Material – das Material ist aber nicht das Böse. Von der Schnelllebigkeit müssen wir weg. Jeder, der sich von Materialseite her damit beschäftigt, hat gerade sehr gut zu tun. Bei Mikroplastik machen wir derzeit die Erfahrung, dass alles, was wir so leichtfertig weggeschmissen haben, in Form von frischen Lebensmitteln wie etwa Fisch wieder aufgenommen wird – das macht jeden persönlich betroffen und nur so kann ein Umdenken stattfinden. Da kann Material viel dazu beitragen! Auch die großen Unternehmen fangen an, sich damit zu beschäftigen.

Gibt es einen Megatrend?

Der Bedarf nach „Echtem“ ist riesengroß – nach allem,was nicht digital ist – was ich begreifen, anfassen oder riechen kann. Für 2020 arbeiten wir an einer Sonderschau zum Werkstoff Keramik. Wir wollen zeigen, in wie viel verschiedenen Facetten dieses Material zum Einsatz kommen kann. Vorbeischauen lohnt sich.


Hannes Bäuerle

Neues Material braucht kreative Köpfe, die damit etwas machen.“